Unerwarteter Kunstgenuss

Von Santarém bis Manaus sind es knappe 800 Kilometer auf dem Wasser oder über 2100 Kilometer auf der Straße. Unsere Flussreise wird zwei Tage und zwei Nächte dauern. Mit dem Auto wären wir kaum schneller gewesen und so ist es viel entspannter. Der Amazonas ist an den meisten Stellen so extrem breit, wir haben eher das Gefühl, auf dem Meer als auf einem Fluss zu sein. Das ist ein echter Vorteil, wenn es um Mücken und andere unangenehme Insekten geht. Außer in den Nächten, wenn unser Schiff weit und breit die einzige Lichtquelle ist, bleiben wir von den fliegenden Gesellen verschont, denen der Weg über das weite Wasser anscheinend zu anstrengend ist. Es gibt eine günstige Mahlzeiten an Bord, meistens Hühnchen mit Gemüse und mit Lesen, Schlafen, Aussicht genießen und Fotografieren geht die Zeit erstaunlich schnell rum. Besonders spannend sind die kleinen Dörfer am Ufer mit ihren Stelzenhäusern und den wenigen Anwohnern, die mit ihren kleinen Booten ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Ab und zu verlangsamen wir unsere Fahrt und Boote machen seitwärts fest, um Waren abzugeben oder aufzunehmen. Tagsüber kommen wir auch mit einigen unserer Mitreisenden ins Gespräch. In der Hängematte neben uns hat es sich ein gesprächiger Lehrer aus Peru niedergelassen. Er ist absolut überzeugter Kommunist und so etwas wie ein Revolutionär. Die Tatsache, dass er kein Englisch spricht und wir, also Franzi, nur wenig von seinem Portugiesisch verstehen, hält ihn nicht davon ab, enthusiastisch seine Überzeugung zu schildern. Zum Abschied schenkt er uns eine DVD mit Interviews und Ideen für ein kommunistisches Brasilien.

Fantastische Sonnenuntergänge auf dem Amazonas

Circa 48 Stunden nach unserer Abfahrt erreichen wir am frühen Morgen Manaus. Wir haben ein kleines Hostel ins Auge gefasst, aber noch nichts gebucht. Nach den beiden Nächten mit vielen Fremden hätten wir gern etwas Privatsphäre und hoffen auf ein eigenen Zimmer. Das Hostel ist gut besucht, ein Doppelzimmer kann man uns daher nicht mehr anbieten. Stattdessen geht es ins Etagenbett im Zehnbettzimmer. Egal, Hauptsache mal wieder richtig duschen.

Auf den ersten Blick wirkt vieles eher zweckmäßig

Auf dem Fußmarsch zum Hostel hat Manaus noch keinen großen Eindruck auf uns gemacht. Es wirkt grau und zubetoniert, aber immerhin fühlen wir uns hier im Landesinneren sicher. Wie viele Besucher Manaus wollen wir von hier aus einen Abstecher tiefer in den Amazonas machen. In einer kleinen Reiseagentur in Hostelnähe buchen wir einen fünftägigen Trip für den nächsten Tag. Abends verschlägt es uns dann in die schmucke Altstadt. Sie ist farbenfroh restauriert und der Glanz der alten Tage, als der Kautschukboom viele Bürger und die Stadt wohlhabend machte, ist noch zu erahnen. Die Hauptattraktion, direkt auf dem großen Platz im Zentrum, ist das Teatro Amazonas, ein von Europäern nach dem Vorbild der französischen Oper erbautes Theater aus dem 19. Jahrhundert. Richtig genießen konnten die Besucher die Veranstaltungen zu Beginn allerdings nicht. Die Kutschen, die über die umliegenden, gepflasterten Straßen rumpelten waren bis in den großen Saal zu hören. Die Lösung des Problems dürfte fast einzigartig sein. Die Kautschukbarone ließen die direkt an das Theater angrenzenden Straßen komplett mit Kautschuk aus ihren Produktionen überziehen. Heute ist davon nichts mehr zu sehen, aber damals hat es für ungestörten Kunstgenuss gesorgt.

Das Teatro Amazonas

Auch wir wollen uns eine Vorstellung in dem altehrwürdigen Theater ansehen. Die darstellende Kunst wird hier und an anderen Orten in Brasilien auf eine ganz spezielle Art und Weise gefördert. Der Eintritt für die Emporen ist frei. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das ermöglicht auch den ärmeren Menschen am kulturellen Leben teilzunehmen und kurzfristig entschlossenen eventuell noch einen Platz zu ergattern. Nur wenn man einen festen Platz im unteren Zuschauerraum möchte, zahlt man ein paar Reais. Heute Abend ist die Schlange besonders lang. Es ist Muttertag und anscheinend sind einige Mütter heute zu ihren Ehren ins Theater eingeladen. Zum Glück gibt es keinen Dresscode, denn wir haben nichts Feines zum Anziehen dabei. Viele haben sich zwar schick gemacht, aber man sieht auch oft kurze Hosen und Flip Flops. So verbringen wir einen tollen Abend und lauschen den klassischen Werken von Mozart, Vivaldi, Rossini und Co.

Wir sind froh, uns Karten geholt zu haben

Im Hostel, wir haben mittlerweile ein schönes Doppelzimmer mit eigenem Bad, besteht uns eine kurze Nacht bevor. Trotzdem genießen wir die vorerst letzte Stunden im weichen Bett. Wir werden sehr früh am nächsten Morgen abgeholt und müssen noch packen. Für die eine Woche im Camp werden wir nicht alles mitnehmen, sondern ein paar Sachen im Hostel lassen. Am Morgen holt uns ein Jeep ab und fährt mit uns noch gute zwei Stunden weiter ins Landesinnere, wo wir in einen kleinen motorisierten Kahn umsteigen, der uns noch eine gute Stunde auf dem Rio Urubu in unser Dschungelcamp bringt. Außer uns sind noch ein indisches und ein Schweizer Paar an Bord, unsere Reisegefährten für die nächsten Tage.

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