Abwarten und Tee trinken

Wir fahren zum Hauptbahnhof in Kalkutta und finden in dem Gewusel recht schnell unser Gleis. Der „Shatabdi Express“ hat ordentlich Verspätung, ist aber selbst in der 2. Klasse recht komfortabel. Uns werden sogar drei opulente Mahlzeiten serviert. Nach zehnstündiger Fahrt erreichen wir Siliguri im Norden, der Ankunftsort für die meisten Weiterreisen in die Berge. Auch ohne die Verspätung wären wir erst sehr spät hier angekommen. Unser Plan war, die kurze Nacht in einer günstigen Bleibe in Bahnhofsnähe zu verbringen und am nächsten Morgen in die Berge hinauf zu fahren. Dementsprechend haben wir ein Hotelzimmer für eine Nacht vorgebucht. Oh Mann, war das eine böse Überraschung mitten in der Nacht. Das Zimmer ist total eklig, die Bettwäsche hat unzählige große und kleine  Flecken, das Bad ist dreckig, es gibt weder Klopapier noch Handtücher, von dem angepriesenen WLAN ganz zu schweigen und der Geruch rundet das Ganze schön ab. Wir bleiben sehr höflich, fragen nach einem anderen Zimmer, aber der Nachtportier, der uns nicht verstehen kann oder will, kommt nur mit einem Raumspray und nebelt das Zimmer und uns ein. Eine Minute später sind wir wieder draußen. Zu Fuß geht es durch die Nacht auf der Suche nach einer Unterkunft. Die paar Hotels die wir finden und in denen wir nachfragen, sind entweder voll oder haben genauso dreckige Zimmer. Gegen zwei Uhr morgens nehmen wir dann doch das, was uns angeboten wird. Das Bett ist so schmutzig, dass wir uns nur angezogen darauflegen und warten, dass die Nacht vorbei geht.

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Das Central Nirvana - unser Glückstreffer bei der Unterkunftssuche

Am nächsten Morgen suchen wir uns ein Sammeltaxi in die Berge, nach Darjeeling. Ich schätze, dass mindestens 50 Jeeps am Bahnhof stehen und auf Kunden warten. Losgefahren wird erst, wenn der Wagen voll ist. Voll heisst, vier statt drei Leute hinten und zwei auf dem Beifahrersitz. Als genug Leute bei unserem Jeep beisammen sind, gibt es lautstarke Diskussionen und fast Handgreiflichkeiten mit dem Fahrer, weil niemand mit uns auf der hintersten Bank sitzen will. Ob es daran liegt, dass es die schlechtesten Plätze sind oder weil wir weiß sind, wissen wir nicht. Nach dreistündiger Fahrt die Serpentinen hinauf kommen wir in Darjeeling an. Wir haben ein schönes Hotel im Internet gefunden, können es aber im Gewirr der vielen Gassen bei einbrechender Dunkelheit nicht finden. Aber wir finden unterwegs ein anderes, das uns von außen gut gefällt. Nachdem wir uns ein Zimmer haben zeigen lassen, diese Lektion haben wir die vergangene Nacht gelernt, ziehen wir geschafft aber mit ziemlich guter Laune ein. Neben Sauberkeit, einer schöner Terrasse mit Blick über die Berge überzeugen uns auch das Bad, die Heizung und die Heizdecke. Es wird nachts inzwischen schon ganz schön frostig. Darjeeling ist eine wunderbare Abwechslung nach dem stressigen Kalkutta. Mit über 100.000 Einwohnern ist es zwar kein Bergdorf, im Vergleich zu Kalkutta jedoch angenehm leer. Die Luft ist klar und da wir nicht die einzigen Touristen sind, werde ich auch nicht so angestarrt.

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Mal wieder Zeichnen, ein paar Postkarten schreiben und am Tee nippen

Darjeeling ist bekannt für seinen schwarzen Tee. Natürlich besuchen wir eine der vielen Teeplantagen. Leider herrscht hier zur Zeit wenig Aktivität. Es ist gerade keine Erntezeit. Jeden Tag sitzen wir im Glenary’s, unserem Lieblingscafé, trinken ein Kännchen Original Darjeelingtee, lesen viel und ich fange wieder an zu zeichnen. Die meisten Gebäude sind im britischen Kolonialstil gehalten, außen weiß, innen meist mit Holzvertäfelung, sehr gemütlich. Die Briten haben die Stadt in den Bergen als Erholungsort und Sanatorium für ihre in Kalkutta stationierten Truppen errichtet. Es gibt eine Schmalspurbahn, die von Siliguri bis nach Darjeeling führt. Sie gehört zum Weltkulturerbe und wird, zumindest im oberen Teil der Strecke, mehrmals täglich per Dampflok befahren. Ein Erlebnis, das wir uns nicht nehmen lassen. Die gewundenen Bergstraßen sind so eng, dass die Bahn sich teilweise ganz eng an Geschäften und Wohnhäusern entlang schlängelt. Man könnte aus dem Fenster des Wagons die Ausstellware der Straßenhändler oder die frisch gewaschene Wäsche vom Fensterbrett einfach im Vorbeifahren mitnehmen.

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Entspanntes Spazieren in den Plantagen des Happy Valley Tea Estate

Als Moppi und ich eines Morgens beim Frühstück sitzen, fliegt ein Gleitschirmflieger am Fenster vorbei. Ein bisschen neidisch blicken wir beide dem langsam dahingleitenden Schirm hinterher und beschließen kurzerhand, das machen wir auch. Bereits am nächsten Morgen fährt uns ein Jeep weiter die Berge hinauf. Unsere beiden indischen Paraglidingguides führen uns anschließend zu Fuß durch die Vorgärten einiger Anwohner um dann die Gleitschirme auf einem freien Abhang auszubreiten. Es gibt hier anscheinend keine festen Sicherheitsstandards. Moppis Sitz wird nicht ganz korrekt festgeschnallt, wie er nur einige Sekunden nach dem Start feststellen muss. Statt auf dem Sitz zu sitzen, hängt er wie eine Puppe in den Seilen, mit seinem Sitz auf dem Rücken. Ich stehe noch am Abhang und darf zusehen, wie Moppi und sein Guide versuchen das Desaster zu richten – kein schöner Anblick, das Gehampel mitten in der Luft. Es wurde uns vorher nichts erklärt, ich bin mir nicht mal sicher, ob wir einen Notfallschirm dabei haben. Einer meiner Gurte ist halb zerschlissen und ich habe echt Angst. Dem günstigen Preis entsprechend ist der Spuk nach einer Viertelstunde vorbei und ich bin richtig, richtig froh, wieder unten zu sein.

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Eine schöne Rundumsicht, aber wenig Entspannung

Für den letzten Tag haben wir uns noch eine Tageswanderung organisiert. Sikhr, unser junger aber sehr erfahrener Bergführer holt uns in aller Frühe ab. Zwei Stunden lang geht es zunächst mit dem Auto gen Norden, weiter in die Himalayas hinauf. Danach beginnt der 17km lange Fußmarsch hoch und wieder runter. Wir hoffen, auf eine tolle Aussicht, haben aber keine speziellen Erwartungen. Von Darjeeling sah es meist so aus, als läge der Himalaya unter einer dicken Wolkendecke, als wir auf der Spitze auf etwas über 3000m ankommen, stellen wir allerdings fest, dass es Darjeeling ist, welches ständig von Wolken umgeben ist. Die Aussicht von hier oben ist herrlich. Die schneebedeckten 6000er Gipfel des Kunchenjunga, bildlich auch als Liegender Mann bezeichnet (siehe Bild: links der Kopf, in der Mitte der Bauch, rechts die Füße), sind glasklar in der Ferne zu sehen.

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Der Kunchenjunga zeigt sich gleich zu Beginn unseres Aufstiegs

Sikhr erzählt uns viel über die Berge. Er arbeitet freiberuflich als Bergführer und fest als Dozent im Berginstitut in Darjeeling. Dort macht er Bergsteiger z.B. für Touren auf den Mount Everest fit. Die 6000er der Gegend sind quasi seine Haus- und Übungsberge. Wir bleiben eine Weile oben und genießen die Aussicht sowie die Gastfreundschaft einer der beiden Familien, die hier auf den Hochebenen wohnen. Es gibt gebratenes Gemüse, Ei und Roti, frisch gebackenes Brot. Nach so einer Anstrengung schmeckt alles super. Beim Abstieg müssen wir an einem Kontrollpunkt unsere Pässe zeigen uns eintragen. Sikhr hatte uns im Auto bereits diesbezüglich informiert. Zum Glück haben wir unsere Pässe immer dabei. Während der Wanderung haben wir an verschiedenen Stellen nepalesischen Boden betreten. Die Grenze läuft auch direkt über den Gipfel und der kleine Friedhof, den wir uns oben angesehen haben, liegt bereits in Nepal.

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Franzi und Sikhr über den Wolken zwischen Indien und Nepal

Auf dem Weg nach unten tauchen wir in die dichte Wolkendecke ein. Man sieht kaum die Hand vor Augen, ein schaurig-schönes Panorama. Zufrieden und totmüde fallen wir zurück in Darjeeling ins Bett. Wir müssen wieder in aller Herrgottsfrühe raus, einen Jeep ins Tal nehmen, um mittags unseren Flug nach Delhi zu erwischen. Um 6 Uhr stehen wir am Marktplatz und gegen 7 Uhr ist der Jeep voll und es geht los. Die letzten Kilometer zum Flughafen fahren wir per Autorikscha. Auf der Fahrt sind wir uns einig, dass Siliguri wirklich nur eine Transitstadt ist und ansonsten wahrlich keine Augenweide. Am Flughafen angekommen, geben wir unser Gepäck auf, nur um direkt im Anschluss mitgeteilt zu bekommen, dass wahrscheinlich wie am Vortag auch alle Flüge wegen schlechter Sicht gestrichen werden würden. Der nächste Flug nach Delhi ginge dann vielleicht in 3-4 Tagen. Bei der Aussicht, so lange in Siliguri festzusitzen, wird mir ganz elend. Moppi und ich beziehen einen Tisch im einzigen und völlig überfüllten Flughafenrestaurant: Bier muss her! Während wir warten, erkunden wir abwechselnd die Lage. Nach und nach wird ein Flug nach dem anderen gestrichen, unsere Hoffnungen schwinden. Irgendwann sehen wir, wie mehrere Leute durch die Sicherheitskontrollen gehen. Es gab keine Durchsage und wir sind neugierig, was da vor sich geht. Es stellt sich heraus, unser Flieger hat gerade Boarding. Sehr interessant und schön, dass wir durch Zufall auch mit dabei sind. Die Airlinemitarbeiterin vom CheckIn erkennt mich beim Einsteigen wieder und sagt: „Sehen Sie, wir fliegen doch noch nach Delhi.“


Taking it easy and drinking tea

By taxi we went to Kolkata Central and quite quickly found our track despite the crowds everywhere. The ‚Shatabdi Express‘ came with a huge delay, but was quite comfy even in the 2nd class. They even served us three opulent meals. After a ten hours ride we reached Siliguri up in the North, a hub for most travels further up in the mountains. Even without the delay we would have arrived late at night. Our plan was to spend the short night in a cheap place close by the station to travel on early next morning. Therefore we booked a hotel room in advance. Oh gosh, what a nasty surprise in the middle of the night! The room was really disgusting, the sheets had many huge stains, the bathroom was filthy, there were neither towels nor toilet paper, not speaking about the wifi that they advertised. On top came the funny odor. We stayed friendly and asked for another room, but the night guard who could not or did not want to understand us came back with a room spray and put is into a smelly cloud. The next minute we were out again. We walked through the streets and the night to find another accommodation. The few hotels we found were either booked out or had as shitty rooms as the first one. Around 2 am we were so tired that we accepted what was offered. The bed was so filthy that we layed on it fully dressed and just waited for the night to go by.

The next morning we picked a shared taxi up into the hills, to Darjeeling. I guess there were at least 50 jeeps in front of the station waiting for clients. They do not leave before the car is full. Full means here, four instead of three people on the back benches and two people on the passenger seat. When there were enough people to leave there was a loud argument and even a physical fight with the driver because nobody wanted to sit with us on the last bench. If this was because it is the worst seats or because we are white we didn’t know. After a three hours ride up the serpentines we arrived in Darjeeling. We found a nice hotel online but couldn’t find it in the maze of narrow streets when it already got dark. But on the way we found another one that we liked from the outside. After we have asked to be shown a room, this lesson we learnt in Siliguri, we moved in tired but happy. Apart from cleanliness, the room had its own terrace with a great view over the mountains, a nice bathroom, a heater and even a heating blanket. Nights could already get frosty. Darjeeling was a wonderful change after stressful Kolkata. Having more than 100.000 inhabitants it is not a mountain village anymore, but compared to Kolkata quite empty. The air was clean and fresh and as we were not the only tourists I was not so much stared at.

Darjeeling is famous for its black tea. Of course we visited one of the many tea plantations. Unfortunately it was quite abandoned at that time as it was not harvesting time. Every day we were sitting in Glenary’s, our favorite cafe, drinking a pot of original Darjeeling tea, reading a lot, and I started drawing again. Most of the buldings are kept in British colonial style, white at the outside, inside mostly wood panels, very cozy. The Brits founded this city as a recreational place in the hills and as a sanatorium for their troops stationed in Kolkata. There is a narrow-gauge railway going from Siliguri up to Darjeeling. It belongs to the UNESCO world heritage and at least the upper part is still in use. Several times a day there goes a train drawn by a steam locomotive. This was an event we wouldn’t want to miss. The winding mountain roads are so narrow that the train is partly winding very close to the shops and homes. You could sit in the train and grab something from the shops or the houses‘ laundry easily while passing by.

One morning when Moppi and I were having breakfast a paraglider flew by. A bit envious we watched him slide along and decided that we will do that too. The next morning a jeep brought us further up the hills. Our two Indian paragliding guides then guided us through some people’s gardens until they opened their parachute on an open slope. Obviously there were no specific security standards. Moppi did not get strapped appropriately as he had to find out a few seconds after starting. Instead of sitting on his seat, he was hanging like a puppet on strings, the seat behind his back. I was still standing on the hill and had to watch the guide pushing and pulling the straps, even getting up and jumping on Moppi’s seat, not a nice thing to see, this disaster in mid air. Nothing was explained to us beforehand, I was not even sure if we had an emergency parachute with us. One of my straps was half faded and I was really scared. Due to the low price this spook was over after only 15 min and I was really glad to get my feet back on the ground.

For our last day we organised a one day hiking trip. Sikhr, our young but very experienced guide picked us up early morning. First we went by car up North for two hours, further up the Himalayas. Then we started our 17 km walk up and down. We were hoping for a great view, but had no specific expectations nonetheless. From Darjeeling it mostly looked like the Himalaya is covered up by clouds but when we reached the top at more than 3000 m we learned that it was Darjeeling that was all cloudy. The view from up there was extraordinary! The snow covered tops of the 6000m Kunchenjunga, also called the lying man for its shape, were crystal clear for us to see.

Sikhr told us a lot about the mountains. He works freelancing as a hiking guide and has a permanent teaching job at the mountain institute of Darjeeling. There he is training his hiking students for big trip e.g. on the Mount Everest. The 6000m mountains in that area are his local exercise mountains. We stayed on top for a while to enjoy the view and the hospitality of one of the two families living up there. We had fried vegetables, eggs, and roti, fresh Indian bread. After such a physically exhausting trip everything tasted grand. When going down we had to show our passports and sign into a pass book at some checkpoint. Sikhr already told us in the car about it. Luckily we always carry our passports with us. During our trip we entered Nepalese ground at one or the other place. The border lies directly on top where we had lunch and the little cemetery that we have seen up there was already in Nepal.

Downhill we found ourselves in a thick blanket of clouds. You could barely see your own hand in front of your eyes, a beautiful yet scary panorama. Satisfied but dead tired we fell asleep back in Darjeeling. We had to get up very early next morning, take a Jeep downhill and catch our flight to Delhi. At 6 am we were waiting at the Jeep parking spot and around 7 am our Jeep was full and ready to leave. The last km to the airport we made by autorickshaw. During this ride we agreed that Siliguri really isn’t a beauty and just a hub for travellers. Having arrived at the airport we checked in our baggage and were told in the same instant that most probably all flights would be cancelled just like the previous day due to poor visibility. The next flight to Delhi would go in 3-4 days. Maybe. The idea of being stuck in Siliguri really upset me. Moppi and I occupied a table of the only and already packed airport restaurant. We need a strong beer! While waiting we took turns to check out the scene. One after another the flights got cancelled, our hopes were fading. At some point we noticed people walking into the security check. There was no announcement and we got curious what was going on. It turned out that our flight was being boarded. How interesting and nice that we were part of it, even if just by coincidence! The airline employee from the check in recognised me and said: See, we’re going to Delhi after all!

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